Geschichte der Harmonik

Die Geschichte der Harmonik reicht so weit zurück wie wir zurückblicken können in die Geschichte der menschlichen Kultur. Und damit in die Geschichte der erhaltenen Denkmäler dieser Kultur. Auch wenn wir die Baumeister dieser Denkmäler, je weiter wir zurückblicken können, nicht mehr kennen, und damit ihre Gedanken und Motive nur noch erahnen können. Für unser heutiges Verständnis der Entwicklung der Harmonik bis in unsere Tage ist es aber wichtig, vor allem die Stationen kennen zu lernen, bei denen wir auch nachvollziehen können, welche Gründe und Überlegungen die Denker dieser Zeiten zur bewussten Entwicklung und Anwendung von harmonikalen Theorien und Prinzipen veranlasst hat. Deshalb ist die hier versuchte Zeitreise primär ein sich Zurückerinnern an die Menschen, deren nachdenkliches Hineinfragen in die sie umgebende Welt zu den Aussagen und Darstellungen brachte, die wir heute als Meilensteine der Geschichte der Harmonik verstehen.
Dennoch dürfen wenigstens die besonders herausragenden Dokumente der Verwirklichung dieser Ideen nicht fehlen.

Im Folgenden unternehmen wir nun diese Zeitreise von der Gegenwart der Harmonik, die inzwischen auch von unserem Verein mitgestaltet und erlebt wird, über Hans Kayser, Victor Goldschmidt, Albert von Thimus, Johannes Kepler, Robert Fludd, die Schule von Chartres, die Neuplatoniker, bis zu Platon und den Bund der Pythagoreer - und noch davor.

Hans Kayser (1891-1964)

„In erster Linie ist die Harmonik eine Ganzheitslehre. Das heißt, sie versucht, Welt und Menschheit unter ganzheitlichen Gesichts- und Hörpunkten zu erfassen. Das wissenschaftliche Mittel hierzu ist für die Harmonik das Urphänomen der Tonzahl – …“
So sieht Kayser beispielsweise in der Quantentheorie Max Plancks mit ihren diskontinuierlich anwachsenden, diskreten Energieniveaus und der Obertonreihe der Musiktheorie ähnliche naturgesetzliche Prinzipien verwirklicht. Auch in den Dimensionsverhältnissen und Zahlenproportionen kristalliner Körper sieht er Parallelen zu den harmonischen Verhältnissen der Töne. Dabei verweist Kayser auf Schriften der Kristallographen Victor Mordechai Goldschmidt (Über Harmonie und Complication) und Christian Samuel Weiss (Betrachtungen der Dimension-verhältnisse in den Hauptkörpern des sphäroidischen Systems und ihren Gegenkörpern im Vergleich mit den harmonischen Verhältnissen der Töne), welche Analogien zwischen ihrer Wissenschaft und der Musiktheorie zogen.
Man darf aber bei allen diesen in Richtung Naturwissenschaften gehenden Interessen und Beobachtungen von Kayser nicht vergessen, dass die Schwerpunkte seiner Ausbildung Germanistik und Musik waren. Deshalb liegen bei allen seinen weitausgreifenden Überlegungen die Schwerpunkte seiner Kompetenz im Bereich der Geisteswissenschaft und des praktizierenden Musikers. Wer sich wirklich für seine umfangreichen Überlegungen und Darstellungen ernsthaft interessiert, kommt nicht darum herum, sich mit seinen Werken direkt ausführlich zu beschäftigen. Siehe dazu die Literaturangaben auf dieser Webseite und bei Wikipedia.

Victor Goldschmidt (1853-1933)

Seine Arbeiten als Mineraloge und Naturphilosoph führte ihn zu der Erkenntnis:  „Die Harmonie ist der Schlüssel zum Verständnis der Natur, indem sie das auswählt, was unseren einzelnen Sinnen und dem wiederbildenden Vereiniger der Sinneswahrnehmungen, dem Geist, angepasst in der Aussenwelt enthalten ist. Aber nur daraus besteht die unserer Erkenntnis zugängliche Natur. Erkenntnistheorie ist daher die Zusammenfassung derjenigen Gesetze, die dem Geist und der Außenwelt gemeinsam ist. …. “    Er geht auf diese Weise sozusagen den entgegengesetzten Weg wie später Hans Kayser, der sich, ausgehend von der Musik, auf die Suche begibt nach Entsprechungen in den Formen und Strukturen der Natur.

Albert von Thimus (1806-1876) 

Albert von Thimus hat im 19. Jahrhundert mit seinen Büchern "“Die harmonikale Symbolik des Altertums I+II” eine entscheidende Weiche gestellt, um die Harmonik zu etablieren. Harmonik verstand er als eine auf Zahlenverhältnisse basierende, sich in Musik, Architektur, Kunst, Kultur usw. ausdrückende Proportionslehre. Musik basiert auf Zahlen und deren Verhältnissen zueinander. Die gleichen Gesetzmäßigkeiten der Musik spiegeln sich auch im Menschen und in der Welt wieder. Von Thimus baute durch seine Forschungen eine Brücke, die zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert vermittelte. Sein Werk verstand er als Rekonstruktion ursprünglicher pythagoreischer Weisheit.
Von Thimus sah seine Aufgabe darin, die pythagoreische Schule aus harmonikalen Wurzeln abzuleiten und so einen Beitrag zu einer einheitlichen und ganzheitlichen Weltsicht zu leisten.

Johannes Kepler (1571-1613)

Der Astronom, Astrologe und Mathematiker Johannes Kepler schreibt im 17. Jahrhundert: „Unser Bildner hat zu den Sinnen den Geist gefügt, nicht bloß, damit der Mensch seinen Lebensunterhalt erwerbe – das können viele Arten von Lebewesen mit ihrer vernunftlosen Seele viel geschickter. Sondern auch dazu, dass wir vom Sein der Dinge, die wir mit Augen betrachten, zu den Ursachen ihres Seins und Werdens vordringen, wenn auch offensichtlich kein Nutzen damit verbunden ist." „Die Geometrie ist vor der Erschaffung der Dinge, gleich ewig wie der Geist Gottes selbst und hat in ihm die Urbilder der Erschaffung der Welt geliefert.
In seinem 1619 erstmals veröffentlichen Werk “Harmonices Mundi" beschreibt er, wie ernach vielen Fehlschlägen die elementaren Gesetze der Bewegungen der Planeten harmonikal herleitete.

Robert Fludd (1574-1637)

Er praktizierte als Arzt in London. Als Naturphilosoph und Theosoph war er stark von Nikolaus Cusanus sowie Paracelsus beeinflusst.
Er vertrat die stark von der Hermetik beeinflusste Vorstellung, dass den Gestaltgesetzen von jedem Lebewesen auf Erden, einschließlich des Menschen, Formgesetze im Makro- und im Mikrokosmos entsprechen. Für die Harmonik sind vor allem seine Gedanken und Bilder in seinem Werk “monochordium mundi symphoniacum - J. Kepplero oppositum ” interessant.
Johannes Kepler griff Fludd wegen der in seinen Büchern verwendeten Bilder und Hieroglyphen an. Er stellte dem die von ihm verwendeten Zahlen seiner mathematischen Methoden gegenüber.

Schule von Chartres (11./12. Jhd. n. Chr.)

Die Domschule zu Chartres erreichte im 11./12. Jahrhundert europaweit Berühmtheit. Sie wurde von Fulbertus von Chartres (* um 950; † 1028) ganz im platonischen Sinn als „Akademie“ eingerichtet. Sie erreichte ihren geistigen Höhepunkt unter Alanus ab Insulis (* um 1120; † 1202). Maßgeblich für die philosophische Arbeit war ein neuer Platonismus, insbesondere die Idee Platons von einer Weltseele als kosmologisches Prinzip. Man sagt zwar, dass in Chartres im Wesentlichen nur lateinische Übersetzungen gelesen wurden, weil kaum noch Kenntnisse des Alt-Griechischen vorhanden waren. So soll von den Schriften Platons nur die lateinische Übersetzung der Timaios bekannt gewesen sein. Diese Schrift hat aber in der schule von Chartreseine besondere Rolle gespielt haben. Damit war jedenfalls gewährleistet, dass die Grundideen der Harmonik bekannt waren und ernst genommen wurden.
Das erklärt, wie es mit dem Neubau der Kathedrale von Chartres von 1194 bis 1260
n. Chr. zu der noch heute überwältigenden Verwirklichung der Form- und Proportionsideen der pythagoreischen Harmonik kommen konnte. Wer sich allerdings darauf nicht verlassen möchte, der möge die Figuren im mittleren Westportal der Kathedrale im linken Bild sorgfältig studieren. Er findet  dort rechts unten eine Figur, die Pythagoras darstellt.

Die Neu-Platoniker Iamblichos (240/245 - 320/325 n. Chr.)
und Boethius (480/485 - 524/526 n. Chr.)

Unter Neuplatonismus versteht man heute die jüngste und letzte bedeutende Strömung der griechischen Philosophie. Er entstand vor der Mitte des 3. Jahrhunderts von Rom aus, wo der Philosoph Plotin († 270) eine neue Philosophenschule gegründet hatte. Sie breitete sich von dort aus über das Römische Reich aus. Als letzter Vertreter der antik-griechischen Philosophie führte sie die Auseinandersetzung mit dem bereits zur römischen Staatsreligion gewordenen Christentum. Die Ausbreitung dieser Schule nach Osten führte insbesondre zu der Lehre von Iamblichos von Chalkis  († um 320/325), die von der ursprünglichen römischen Schule von Plotin deutlich abwich.
Diese Entwicklung führte schließlich mit dem Gelehrten Boethius (480/485 - 524/526 n. Chr.) zurück nach Rom. Beide sind für die Weitertragung der pythagoreischen Harmoniklehre durch die Geschichte von besonderer Bedeutung.

Iamblichos verfasste in griechischer Sprache eine Gesamtdarstellung der pythagoreischen Lehre. Von den insgesamt zehn Büchern sind nur die Bücher 1 bis 4 erhalten. Für die Weitergabe der pythagoreischen Harmonik ist insbesondere das zweite Buch, Protreptikos (Aufruf) zur Philosophie von Bedeutung. Viele für das weiterführende Verständnis der Harmonik-Ideen von Pythagoras sind offensichtlich in den verloren gegangenen Büchern nicht mehr verfügbar.
Von vielen umfangreichen Arbeiten von Boethius auf verschiedensten Gebieten sind für die Geschichte der Harmonik insbesondere die zwei Werke
De institutione arithmetica („Einführung in die Zahlenlehre“) und De institutione musica („Einführung in die Musik“) von Bedeutung. Darauf muss an anderer Stelle ausführlicher eingegangen werden.

Platon (428/427- 348/347 v. Chr.)

Er war Schüler des Sokrates, dessen Denken und Methode er in vielen seiner Werke schilderte. Die Vielseitigkeit seiner Begabungen und die Originalität seiner wegweisenden Leistungen als Denker und Schriftsteller machten Platon zu einer der bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Geistesgeschichte. Insbesondere in “Timaios” ein intensiv diskutiertes Forschungsthema sind die Mischungsvorgänge bei der Erschaffung der Weltseele durch den Schöpfergott, den Demiurgen, und der Einzelseelen durch die ihm untergeordneten Götter. Hervorgehoben wird die Rolle der Mittelwerte (geometrisches, harmonisches und arithmetisches Mittel) bei der Darstellung der mathematischen Grundlage der Erschaffung der Weltseele. Wahrscheinlich hat Platon bei seinen Angaben zur Struktur der Weltseele die mathematischen Verhältnisse berücksichtigt, die der musikalischen Harmonie zugrunde liegen.

Die griechischen Tempel

Sie sind ein unmittelbares Zeugnis der Lebendigkeit der pythagoreischen Harmonik. Seit dem 6. Jahrhundert v.Chr, dem Jahrhundert von Pythagoras, bis weit hinein in die Zeit von Platon und seinen Schülern.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür sind die drei Tempel von Paestum. Der Ort Paestum liegt in Süditalien auf der gleichen geographischen Höhe wie Kroton, dem Ort der Schule von Pythagoras. Ab ca. 532 v. Chr. lehrte er selbst dort.

Pythagoras (ca. 570-490 v.Chr.)

Der Philosoph und Wissenschaftler Pythagoras, sowie der Bund der Pythagoreer können als die Gründungsväter der harmonikalen Philosophie des Abendlandes betrachtet werden. Von Pythagoras selbst wissen wir nur sehr wenig, das liegt daran, dass er uns keinerlei Schriften hinterlassen hat.Was wir über ihn mit Sicherheit wissen, geht – abgesehen von wenigen Fragmenten einiger Vorsokratiker – auf vereinzelte Nachrichten bei Herodot (ca. 490 – 420 v. Chr.) und Platon (427 – 347 v. Chr) zurück. Dazu kommen noch einige relativ wahrscheinliche Überlieferungen bei Aristoteles (384 v. Chr.) und seinen Schülern Eudemos und Aristoxenos hinzu, die den letzten Augenzeugen des Pythagoras, Philolaos, noch kannten.

Die ägyptischen Pyramiden (ca. 2680 bis 2180 v. Chr.)

Die ältesten entsprechend untersuchten Zeugen angewandter Harmonik sind in unserem kuturgeschichtlichen Bereich die ägyptischen Pyramiden. Zwar lange vor der Zeit von Pythagoras entstanden. Aber unverkennbar aus harmonikalen Geist gebaut. Besonders eindrucksvoll lässt sich das an den Pyramiden von Gizeh nachweisen*:
Myherinos:  Höhe:Breite = 5:4; entspricht der großen Terz
Chephren:   Höhe:Breite = 4:3; entspricht der Quarte
Cheops:      Höhe:Breite = 80:63; entspricht dem „diatonon malakon(Aristoxeos, 360 - 300 v.Chr.)
* siehe "Pyramiden Gizeh + Harmonik"