Der Weg des Menschen II

2. Station

Brauchen wir ein neues Bewusstsein?

In Anbetracht der elementar selbstgefährdenden Situation, in der wir Menschen uns heute befinden, muss eines klar sein:

Diese Krise kann nur überwunden werden, indem wir einen Weg finden, mit dem unsere Begegnung mit der Welt um uns eine Antwort aus unserem Inneren findet, mit der wir uns im besten Sinn des Wortes selbstbewusst in unserem Leben zurechtfinden und bewahren können.

Ein solches neues Bewusstsein wird von bedeutenden Denkern schon lange eingefordert. So z.B. von Albert Schweitzer mit seinem Ruf nach einer neuen „Ehrfurcht vor dem Leben“. Oder von C.G. Jung mit seiner Vorschlag, über eine bewusste Beziehung zu unserem Unterbewusstsein zu einem neuen Selbst-Bewusstsein zu finden.

Jedoch erst mit und nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges wurden diese Forderungen deutlich konkreter.

Der Tiefenpsychologe (und Schüler von C.G. Jung) Erich Neumann (1905 – 1960) verlangt in seinem 1949 erschienen Werk „Tiefenpsychologie und neue Ethik“ ein Bewusstsein, in dem anstatt eines Teiles die gesamte Persönlichkeit als Grundlage des ethischen Verhaltens gefordert ist. In dem erwähnten Buch sagt er selbst:

Das Ziel der totalen Ethik ist die Herstellung der Ganzheit, der Totalität der Persönlichkeit. In dieser Ganzheit fällt die Gegensätzlichkeit der Systeme Bewusstheit und Unbewusstes nicht in einer Spaltung auseinander, und die Gerichtetheit des Ich-Bewusstseins wird nicht unterminiert durch die entgegen gesetzten Tendenzen unbewusster Inhalte, von denen das Ich und das Bewusstsein keine Kenntnis genommen hat.“

Jean Gebser (1905 – 1973) hat in einem langen Lebenswerk eine neue Bewusstseins-Geschichte entwickelt. Er vertritt die Auffassung, dass das Bewusstsein sich nicht
kontinuierlich „entwickelt“ hat, sondern dass neue Bewusstseinsstrukturen sprunghaft entstanden sind. Und sie lösen sich auch nicht einfach ab. In unserer Zeit geschieht nun aber ein neuer solcher Sprung. Er nennt es einen Sprung von einem „nur mentalen (linearen) Verhaftetseins an Raum und Zeit“ zu  einer „zeitfrei erfahrbare Qualität ganzheitlich realisierter Gegenwart“.

Dabei entsteht ein neues „integrales Bewusstsein“, in dem „der Ursprung immer gegenwärtig und die Gegenwart immer ursprünglich ist“.  Es entsteht eine „Zeitfreiheit“, die als ein „Ineinanderspiel von Urprung und Gegenwart“ zu verstehen ist.

Es ist bei diesem neuen Ansatz nicht zu übersehen, dass er offensichtlich von den  neuen Ergebnissen der Quantenphysik und der "Raumzeit" der allgeminen Relativitätstheorie von A. Einsten inspiriert wurde.

Dies sind nur zwei Beispiele aus neuer Zeit, die durch die Solidität des Lebenswerkes der Autoren besonders überzeugen. Es gibt jedoch heute unzählige andere Anläufe, die alle darauf hinauslaufen, mittels eines ganzheitlichen Bewusstseins eine Beheimatung des Menschen in einer unüberschaubar komplex gewordenen „objektiven Wirklichkeit“ zu erreichen. Viele dieser heute überall angepriesenen „Erweckungen“ o.ä. sind bestenfalls Ausdruck von mehr oder weniger träumerischen Spekulationen. Manchmal auch mit dubiosem kommerziellem Hintergrund.

Aber auch die beiden oben beschriebenen durch und durch seriösen Anläufe lassen nicht erkennen, wie wir Menschen diese großen Ideen in reale Lebenspraxis umsetzen können. In dieser Situation ist es nun notwenig und hilfeich, sich eines andeen lebenswerkes zu einnern, das in ewta der gleich Zeit die von E. Neumann und J. Gebser entstanden ist

Es ist das Lebenswerk von Hans Kayser (1891 – 1964), auf das an mehreren anderen Stellen auf dieser Website ausführlicher eingegangen wird. Seine Vision vom „hörenden Menschen“ fußt auf einer zweieinhalbtausend Jahen langen historischen Tradition und gründlichen eigenen Untersuchungen mit überzeugend konkreten Ergebnissen.

Aus ihnen folgt, dass über die zu Ende gedachte Entsprechung von Zahl und Ton eine „Weltanhörung“ entsteht, mittels der eine reale Verbindung zwischen wissenschaftlich-objektivem Welt-Wissen und individuell-subjektiver Welt-Empfindung hergestellt werden kann.